JOHN VON BERGEN





John von Bergen, Ugolino, 2009, (Aufsicht)





John von Bergen, Ugolino, 2009 (Seitenansicht)





John von Bergen, Ugolino, 2009 (Detail)





John von Bergen, Study for Ugolino #2, 2009
polymer gypsum, epoxy, resin, diameter 40 cm





ohn von Bergen, UFO-SOOTO #1, 2009, pencil on paper, 17 x 34 cm (diptych)





John von Bergen, UFO-SOOTO #1, 2009, pencil on paper, 17 x 34 cm (diptych)





John von Bergen, UFO-SOOTO #2, 2009, pencil on paper, 60 x 46 cm





John von Bergen, UFO-SOOTO #3, 2009, pencil on paper, 60 x 46 cm





John von Bergen, UFO-SOOTO #4, 2009, pencil on paper, 35 x 102 cm




TEXT

Im 13. Jahrhundert wurde Graf Ugolino Della Gherardesca als Verräter bezeichnet, zum Tode durch Verhungern verurteilt und mitsamt seinen Kindern und Enkeln in den Kerker geworfen. Jahre später beschreibt Dante in seinem berühmten Epos „Inferno“ einen Graf Ugolino, der in vieler Hinsicht als Karikatur des realen Ugolino gelten kann. In der berühmten Zeile im Canto 33: „Poscia, più che ’l dolor, poté ’l digiuno" („Dann war der Hunger stärker als die Trauer“), spielt Dante auf die Versuchung des Grafen an, die eigenen Kinder zu verspeisen. Dies inspirierte in den nächsten Jahrhunderten sowohl Schriftsteller wie Seamus Heany und Jorge Luis Borges als auch Bildhauer wie Rodin und Jean-Baptiste Carpeaux zu kannibalistischen Interpretationen.

Im Jahr 2001 behauptete eine Gruppe von Wissenschaftlern unter der Führung von Francesco Mallegni, die sterblichen Überreste des Grafen Ugolino und seiner Familie gefunden zu haben. Als sie die DNA Tests durchgeführt hatten, waren sie sicher, dass solche kannibalistischen Taten nicht stattgefunden haben konnten (vor allem weil Ugolino im hohen Alter mit sehr schlechten Zähnen, mit denen er niemals Fleisch hätte verzehren können, starb). Aber die Authentizität dieser Funde wurde auch bald von anderen Wissenschaftlern angezweifelt. Die Wahrheit bleibt also weiterhin verborgen.

2009 sind das Interesse an Dante und die Faszination des „Inferno“ ungebrochen. Gibt man „Dante´s Inferno“ bei der Suchmaschine Google ein, erhält man als erstes einen Hinweis auf die Webseite eines neuen Videospiels mit dem Slogan „Go To Hell“. Das ICI in Berlin veranstaltet dieses Jahr ein Seminar mit dem Titel „Metamorphosing Dante“, und John von Bergen wird in seiner dritten Einzelausstellung „SOOTO hungry“ in der Galerie Lena Brüning die Skulptur „Ugolino“ zeigen.

Bei „Ugolino“ ersetzt der Künstler den menschlichen Körper durch ein Objekt, das zunächst an verbogene und auf seltsame Weise verdrehte Maschinenteile erinnert, sich bei näherem Betrachten aber als verrottete Abgüsse einer Tischsäge entpuppt. Zuerst winden sie sich in einer brutalen Verdrehung umeinander, um sich dann in eine größere abstrakte Struktur zu verwandeln. Zur Zeit Dantes wurde Italien von politischen Unruhen erschüttert, Graf Ugolino galt als Profiteur und Verräter, und man vermutete bereits damals, dass der Kannibalismus im „Inferno“ metaphorisch gemeint war. Durch die zahlreichen starken künstlerische Interpretationen dieser Geschichte im Laufe der Zeit hat die Mythologie einen so großen Einfluss auf die Rezeption des Ugolino gehabt, dass historische Fakten davon völlig verzerrt, wenn nicht gar überschrieben wurden. Das humanistische Element in von Bergens „Ugolino“ geht in die Repräsentation einer neue Fiktion über, in der die Realität nicht versucht, den Mythos zu ersetzen, sondern in der Mythos durch eine schwer greifbare Absurdität ersetzt wird.

In der Ausstellung „SOOTO hungry“ wird von Bergen auch Bleistiftzeichnungen aus einer neuen Serie zeigen, die in enger Verbindung zu der Skulptur als strukturale Transformation stehen, und genau wie diese die Grenzen zwischen Repräsentation und Abstraktion verhandeln. Sie eröffnen ein doppeldeutiges Spiel zwischen dem Natürlichen und der Vorstellung durch einen Prozess, der die detaillierte Wiedergabe fotografierter Objekte und abstrakten Gestus verbindet. Wie bei der Skulptur wird ein gezeichnetes Objekt als zum Überbleibsel der Realität, und zurück bleibt die Erinnerung an eine unvollständige Form. Wie der Kunsthistoriker Ludwig Seyfarth bemerkte: „Sowohl in seinen Zeichnungen als auch in seinen Objekten und Skulpturen ist ein forschendes Interesse erkennbar, das sowohl der Auseinandersetzung mit oft ungewöhnlichen Materialien gilt als auch dem fließenden Übergang von der Abbildung des Sichtbaren zur Erfindung eigener Welten."

John von Bergen ist ein Amerikanischer Künstler, der an der School of Visual Arts in New York studiert hat und seit dem Jahr 2003 in Berlin lebt. Seither hat er in verschiedenen Museen, Galerien und auf Kunstmessen im Europäischen Raum ausgestellt, und in Düsseldorf, Dresden, Berlin und New York Vorträge gehalten. Im März 2009 wurde er vom Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Dresden zu einem Projekt eingeladen. Zur Zeit nimmt er an der Ausstellung „Octet" im Pera Museum in Istanbul teil. Im Januar 2010 wird von Bergen eine Einzelausstellung im Smack Mellon in Brooklyn, New York, zeigen. Für das Jahr 2009-2010 erhält er das Stipendium der Pollock-Krasner Foundation.




BIOGRAPHIE

1971 geboren in Connecticut, USA 1992 _ Art Students’ League, New York 1996 _ Bachelor of Fine Arts Degree, School of Visual Arts, New York 2000 _ Full Fellowship Residency, Yaddo, Saratoga Springs, New York 2001 _ Full Fellowship Residency, The MacDowell Colony, Peterborough, New Hampshire 2007 _Stipendium, "7.Stock", Dresden 2009-2010 _Stipendium, Pollock Krasner Foundation, New York lebt und arbeitet seit 2003 in Berlin EINZELAUSSTELLUNGEN 2010 _Whip Lash, Smack Mellon, Brooklyn, New York, USA (Eröffnung: 16.01.2010) _Burn Out, Kjubh Kunstverein, Köln, Mai 2010 2009 _SOOTO hungry, Galerie Lena Brüning, Berlin 2007 _THE ITCH, Galerie Lena Brüning, Berlin 2006 _ SUBLIMATOR, Galerie Ulrike Schmela, Düsseldorf 2005 _ UFO-UMIS, Galerie Lena Brüning, Berlin GRUPPENAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL) 2010 _Satelites in the Night, Berlin, März 2010 2009 _Ikonen des Sieges, Humboldt, Berlin _Dok 25a, Düsseldorf _Cinque Garzoni, Lido, Venedig _Octet, Pera Museum, Istanbul, Türkei _Kunstprojekte für Unternehmen, Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Dresden _Künstler der Galerie 2, Galerie Lena Brüning, Berlin 2008 _Kunst und Wirtschaft, Genius, Hellerau, Dresden, kuratiert von REINIGUNGSGESELLSCHAFT 2007 _Aktive Konstellationen, The Brno House of Art, Brno, Tschechien _Tombola, kjubh Kunstverein, Köln _Niveaualarm, Kunstraum Innsbruck, Innsbruck _Papierarbeiten, Galerie Lena Brüning, Berlin _Aktive Konstellationen, Haus der Kunst, Brno _Künstler der Galerie 1, Galerie Lena Brüning, Berlin 2006 _All American, Wilmerhale, Berlin _Abstract Art Now – Floating Forms, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen (Katalog) _Minimal Illusions, Villa Merkel, Esslingen 2005 _ Schon vergeben, Art Cologne _ Situation 24, Bleibtreu Galerie, Berlin _ Imaginäre Realitäten, Art Agents, Hamburg _ Passion des Sammelns, Halle 14, Leipzig _ Pathetischer Betrug, Art Frankfurt (Katalog) 2004 _ Ein Tag, Ein Raum, Ein Bild, Sebastian Fath Contemporary, Mannheim _ So Genau Wollt Ich’s Gar Nicht Wissen, Galerie Olaf Stüber, Berlin BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL) 2009 Simone Reber, Kunst Stücke. Drachenflug, im Tagesspiegel vom 14.11.2009. 2007 _Thea Herold, Die Wand wirft Falten, im Tagesspiegel vom 06.10.2007. 2006 _Swantje Karich, Aber im nächsten Frühling, FAZ, 4. November, S.51 _Helga Meister, SUBLIMATOR, Westdeutsche Zeitung, Düsseldorfer Kultur, 20. September. 2004 _ Christina Wendenburg, So Genau Wollt Ich’s Gar Nicht Wissen, TIP, 8. April, S.68