POLA SIEVERDING





Installationsansicht Cadavre Exquis, Einzelausstellung in der Galerie Lena Brüning, Mai 2009





Pola Sieverding, Untitled (BlingBling), 2008
D/A Process, Aludibond, Acryl, Europalette
125 x 170 cm





Pola Sieverding, Untitled (Cadavre Exquis I), 2008
A/D Process (Micro Piezo Print)
230 x 112 cm





Pola Sieverding, Untitled (Cadavre Exquis II), 2008
A/D Process (Micro Piezo Print)
230 x 112 cm





Pola Sieverding, Link, 2008
A/A Process, Acryl, Aludibond
160 cm x 125 cm





Pola Sieverding, Untitled (Figure #3), 2004
D/A Process, Acryl, Aludibond
125 x 160 cm





Pola Sieverding, Karl, 2006
A/A Process, Acryl, Aludibond
160 x 125 cm




TEXT

Pola Sieverding: Cadavre Exquis

In ihren Bildern bewegt sich Pola Sieverding zwischen Dokumentation und Inszenierung, wechselt von distanzierter Sachlichkeit zu dezidierter Subjektivität und greift dafür sowohl auf journalistische als auch auf genuin künstlerische Arbeitsweisen zurück. Die Aufnahmen in der Ausstellung „Cadavre Exquis“ sind an so verschiedenen Städten wie Berlin, New York und Ramallah entstanden und zeichnen sich trotz dieser unterschiedlichen Entstehungsorte durch eine deutlich spürbare thematische und ästhetische Konsequenz aus.

Subkultur. Immer wieder nimmt Pola Sieverding Menschen in den Fokus, die sich als Teil einer Subkultur oder einer alternativen Kultur verstehen, wie beispielsweise dem Hip Hop, der New Yorker Gay Scene, verschiedenen Metal-Richtungen oder der Berliner Clubszene. Auf den meisten ihrer Fotografien sind einzelne Menschen zu sehen – es geht darin also nicht um die Darstellung der jeweiligen Kultur als kollektiver Bewegung, sondern vielmehr um die Darstellung individueller Personen, die sich im Moment der Aufnahme in einer bestimmten Pose zeigen. Die Künstlerin bezeichnet diese, oft aus nächster Nähe aufgenommenen, Bilder einzelner Akteure (wobei hier „Akteur“ ganz wörtlich zu verstehen ist) als „Behauptungen von Portraits“, denn oftmals verhüllen sie mehr als dass sie preisgeben, unterlaufen also – vordergründig – den klassischen Anspruch des Portraits, die wahre Persönlichkeit des Portraitierten preiszugeben.

Aktives Beobachten. Ihre eigene Position begreift Pola Sieverdings als die der „aktiven Beobachterin“. Nur so – einerseits involviert, andererseits durch die Kamera distanziert vom Geschehen – können der Künstlerin solch konzentrierte Bilder gelingen, deren Intimität es mitunter vergessen lässt, dass sich die gezeigte Person wahrscheinlich nicht in einer geschützten Ateliersituation, sondern umgeben von anderen Menschen in einem (halb-) öffentlichen Raum befindet.

Queerness. Wir sehen den stachelbewehrten Metal-Sänger, den Tänzer im Ganzkörpernetzanzug, einen Mann mit leuchtendem Make-up, eine verschleierte Frau – sie alle verkörpern unterschiedliche gesellschaftliche Konzepte und Positionen und füllen diese nicht zuletzt mit Hilfe von Requisiten und Maskeraden aus. Auffallend ist, dass Sieverding dabei häufig auf Protagonisten zurückgreift, deren natürliches Geschlecht bisweilen schwer eindeutig zu erkennen ist. Sie dienen als besonders eindrückliche Beispiele für „Queerness“ im Sinne von Uneindeutigkeit, als Synonym für die Befreiung von festen Zuschreibungen und Normen. Ebendiese fragilen und hybriden Portraits führen vor Augen, wie eng unsere gesellschaftlichen Paradigmen an Festlegungen von Geschlecht und Sexualität geknüpft sind. Hierin manifestiert sich im übrigen eine Perspektive Sieverdings, die durchaus als „feministisch“ zu bezeichnen ist.

Temporäre Subjektentwürfe. Pola Sieverding versteht ihre Bilder als Angebote „temporärer Subjektentwürfe“, als kritischen Kommentar gegenüber gängigen Unterscheidungsprinzipien. Darin drückt sich auch ihr Interesse am Maß der Selbstbestimmung eines jeden aus. Angesichts dessen ist folgerichtig, dass die Künstlerin Aufnahmen aus verschiedenen Kulturen miteinander in Beziehung setzt: in nebeneinanderstehenden Portraits dienen sowohl westliches urbanes Nachtleben als auch Alltagsgeschehen in östlichen Krisengebieten als Folie – das gesellschaftliche Konzept von Konvention und „Normalität“ verliert auf diese Weise vollends an Relevanz und wird grundsätzlich in Frage gestellt.

Barbara J. Scheuermann




BIOGRAPHIE

_lebt und arbeitet in Berlin bis 2007: _Studium an der Universität der Künste Berlin _Meisterschülerin von Stan Douglas EINZELAUSSTELLUNGEN 2010 _RHIZOMA, Tät, Berlin 2009 _Cadavre Exquis, Galerie Lena Brüning, Berlin _Figures of Affect, mit Friederike Hamann, Campagne Premiere, Berlin GRUPPENAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL) 2010 _BERLIN KREUZBERG BIENNALE, Berlin _The Green Valley Desaster, präsentiert von Galerie im Regierungsviertel/Forgotten Bar Project, X INITIATIVE, Tate Modern, London _Das Geschehen 3, Infernoesque, Berlin _SIX DAYS OF NEW MEDIA, Linienstrasse 127, Berlin _Künstler der Galerie III, Galerie Lena Brüning, Berlin _DEFENDING OUR VALUES (LIGHTBOX/THE MODULE), präsentiert von Galerie im Regierungsviertel, KUNSTRAUM INNSBRUCK, Austria 2009 _Nightmares Full Of Things Unspeakable, kuratiert von Karline Moeller und Nicola Vaselli, concept V, New York _Defending Our Values (Lightbox/The Module), präsentiert von Galerie im Regierungsviertel Berlin, CCA Andratx, Spanien und Kunstraum Innsbruck, Österreich _Solar Beam, Parkdeck, Düsseldorf _TrojaIII, Galerie im Regierungsviertel/Forgotten Bar, Art Copenhagen _I'm afraid.It is hungry.It is immortal., Art in General, New York _The Morning After The Night Before, Galerie im Regierungsviertel/Forgotten Bar, Berlin _Meetings with Arab Culture, Cytryna Cinema, Lodz, Polen _Open Space:Elevator to the Gallows, mit Galerie im Regierungsviertel/Fotgotten Bar Project, X Initiative, New York _Künstler der Galerie 2, Galerie Lena Brüning, Berlin 2008 _Radius, öffentlicher Raum der Stadt Kiel _High Beam, Immermann 9, Düsseldorf 2007 _Hardcore Glamour, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin _Heavy Rotation, Uferpalast, Berlin 2006 _Don't Worry About Tomorrow, Basso, Berlin _Ausser Haus, Uferhallen, Berlin 2002 _wundermaschine, Museum für Photographie, Braunschweig PREISE UND STIPENDIEN 2010 _Artist in Residence Stipendium der Anna Lindh Foundation und der International Academy of Art Palestine in Ramallah, Palästina 2008/09 _NaFöG Stipendiatin des Berliner Senats und der UdK Berlin 2008 _Artist in Residence der ArtSchool Palestine in Ramallah _DAAD in New York